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Rollladentechnik

Die Wahl des richtigen Deckels entscheidet über das Dämmniveau

Er ist das Rückgrat der Rollladenkasten-Wärmedämmung

Bei der Wahl der Bauart von Mauerwerks-Rollladenkasten wird sich nach wie vor häufig für den Bautypus mit innerem Revisionsdeckel entschieden. Diese traditionelle Art des Zugangs in das Rollladenkasteninnere erfreut sich neben den Vertretern der raumseitig geschlossenen Zunft nach wie vor großer Beliebtheit.

Revileo Kastendeckel

Darstellung des Rollladenkastendeckels LEO Revileo®. Deutlich zu erkennen: Der zweiteilige Aufbau mit aufwendiger Doppellagen-Hohlkammer-Profilkonstruktion aus PVC und oben liegender Wärmedämmschicht, die in verschiedenen Dämmschichtdicken gewählt werden kann. Für die vorliegende Untersuchung ist die Ausführung mit 20 Millimeter Schichtstärke und einer Wärmeleitfähigkeit in Höhe von λ = 0,025W/(mK) gewählt.
Foto: hermes® Bauphysik

Auch die Grundlagen der Energieeinsparverordnung (EnEV) ermöglichen ja weiterhin den Einsatz in Rollladenkästen, da diese an keiner Stelle auf irgendeine konstruktive Bauartbeschränkung hinweist. Die im Rahmen der EnEV gesetzlich mit geltende DIN 4108 (Beiblatt 2) versucht auch hier einen neutralen Weg zu gehen: In der Übersicht der Rollladenkasten-Einbaudetails werden Mischbauformen gezeigt, die bekanntermaßen so gar nicht konstruktiv umsetzbar sind.

Hier handelt es sich einzig und allein um Prinzipdarstellungen. was leider immer wieder von übereifrigen Gutachtern missachtet wird. Diese glauben zum Teil immer noch, dass das Rollladenkasteninnere mit einer 60 Millimeter dicken Wärmedämmung vollständig ausgekleidet sein muss. Dass dies nicht so ist, sollte mittlerweile allen bewusst sein, immerhin weist die aktuelle Fassung des Beiblatts 2 keine vermaßten Dämmschichten mehr aus!

Einzig und allein die beiden hinreichend bekannten Kennwerte Ψ (Psi) und fRsi (Temperaturfaktor) entscheiden über die wärmedämmtechnische Qualität eines Mauerwerksrollladenkastens im vollständig eingebauten Zustand. Für die uneingeschränkte Verwendung des Wärmebrückenbonus im Rahmen der EnEV-Gebäudeenergiebilanz ist es eben wichtig, das der Psi-Wert unterhalb des von der DIN 4108 Beiblatt 2 vorgegebenen Grenzwerts liegt, der Rollladenkasten im eingebauten Zustand somit „Beiblatt 2-konform“ ist.

Neben dieser thermischen Gleichwertigkeit darf gleichzeitig die niedrigste innere Oberflächentemperatur den Wert von 12,6 Grad Celsius nicht unterschreiten. Diese Temperaturgrenze entspricht bekanntermaßen einem Temperaturfaktor von fRsi = 0,70 bei einer Außenlufttemperatur von minus fünf Grad und einer Innenraumlufttemperatur von plus 20 Grad. Die kritische Stelle ist dabei immer der Übergang von Fensterblendrahmen zum Rollladenkasten. Bei der hier betrachteten Bauart mit innerem Revisionsdeckel wird deutlich, dass dem Wärmedämmvermögen des Deckels so eine tragende Rolle zukommt.

Doch existieren irgendwelche Zusatzanforderungen an den Verschlussdeckel als Einzelbauteil, die wirklich wärmedämmtechnisch relevant wären? Kurze Antwort: nein! Diese Antwort wird sicher viele überraschen, gibt es doch die Anforderungen an den Mindestwärmeschutz, die in der DIN 4108 „Teil 2“ (Achtung: Unterschied zu „Beiblatt 2“ beachten) festgelegt werden. Demnach soll der Mindestwärmeschutz erfüllt sein, wenn der Rollladenkastendeckel einen Wärmedurchlasswiderstand in Höhe von R = 0,55 m2K/W einhält. Dass dieser altbekannte Wert aus Jahrzehnten weit vor der Energieeinsparverordnung hier vermerkt ist, dürfte sicher historischen Gründen zuzuschreiben sein.

Was gilt jetzt: Deckel oder eingebauter Kasten?

Dieser Sachverhalt entbindet aber keinen Planer, keinen Rollladenkastenhersteller, Zulieferer oder Einkäufer von seiner Sorgfaltspflicht, wirklich abzuklären, ob der Mindestwärmeschutz auch im eingebauten Zustand erreicht wird. Hier gilt nämlich nach der gleichen Norm DIN 4108 Teil 2, dass der Mindestwärmeschutz im Bereich von Wärmebrückendetails eben genau erst dann erreicht ist, wenn an der kältesten Innenstelle, wie oben bereits erwähnt, 12,6 Grad bei Normbedingungen nicht unterschritten wird.

Doch was gilt jetzt? Revisions-Deckel mit R ≥ 0,55 m2K/W oder vollständig eingebauter Rollladenkasten mit fRsi ≥ 0,70 an der kritischen Stelle zwischen Blendrahmen und Revisionsdeckel? Oder sind beide Anforderungen gleichwertig und somit austauschbar?

Um die Antwort herauszufinden, wird im Folgenden ein 365er Mauerwerkskasten mit gutem Wärmedämmniveau im eingebauten Zustand genauer untersucht. Hierbei wird in den beiden ersten Berechnungsläufen im Rahmen der zweidimensionalen Finite-Elemente-Simulation gemäß den europäischen Grundlagennormen festgestellt, dass das Einbaudetail mit Rollladenkasten und Revisionsdeckel zum einen gleichwertig zur DIN 4108 Beiblatt 2-Vorgabe ist und zum anderen die niedrigste Innenoberflächentemperatur bei 12,9 Grad liegt, was umgerechnet einem Temperaturfaktor von 0,72 entspricht.

Als Deckel ist in diesem Fall eine Konstruktion mit zweiteiligem Aufbau der Firma LEO (Kunststoffprofile Kurt Bernheim) eingebaut: Die Basis bildet dabei ein PVC-Hohlkammer-Profil mit darüber liegender 20 Millimeter starker Wärmedämmschicht und einer Wärmeleitfähigkeit in Höhe von λ = 0,025 W/(mK). Der als Revileo® bezeichnete Rollladenkastendeckel führt in dieser Untersuchung zu den guten Ergebnissen, die eine uneingeschränkte Verwendung des gesamten Einbaudetails im Rahmen der EnEV erlaubt.

Doch welchen Einzeldämmwert besitzt der LEO Revileo®? Eine weitere zweidimensionale Untersuchung des Einzeldeckels klärt diese Frage: Für das Produkt wird ein Wärmedurchlasswiderstand in Höhe von R = 0,98 m2K/W errechnet – ein Wert, der der abfließenden Wärme einen um 78 Prozent höheren Widerstand entgegensetzt, als es ein Deckel mit 0,55 m2K/W bewirken würde!

Doch nach der DIN sollte ein Standarddeckel doch auch ausreichen – oder nicht? Daher wird in einer zweiten Wärmebrückenanalyse der Revileo® durch einen herkömmlichen Spanplattendeckel ersetzt. Die Dämmauflage ist so gewählt, dass der vermeintliche Mindestwärmeschutz des Deckels mit R = 0,55 m2K/W gerade eingehalten wird. Ansonsten wird an der Versuchsanordnung für die Simulation nichts verändert.

Als Berechnungsergebnis zeigt sich wieder zum einen, dass das Einbaudetail jetzt mit Spanplattendeckel wieder die Anforderungen der thermischen Gleichwertigkeit erfüllt, weil der entsprechende Psi-Wert die Beiblatt 2-0bergrenze nicht überschreitet. Es scheint daher zunächst, dass einer uneingeschränkten Verwendung nichts mehr im Wege steht, denn immerhin ist ja auch der Mindestwärmeschutz des Deckels eingehalten.

Doch weit gefehlt! Zwar ist der Rollladenkasten im vollständig eingebauten Zustand „Psi-Wert-mäßig“ zunächst Beiblatt 2-konform und der Spanplattendeckel erfüllt als Einzelbauteil betrachtet die Mindestanforderungen mit R = 0,55 m2K/W, doch der zweite Berechnungslauf mit für die Temperaturermittlung normativ vorgegebenen Randbedingungen, zeigt eindrucksvoll, dass die niedrigste Oberflächentemperatur unter die magische Grenze von 12,6 Grad rutscht! Bei Verwendung des Spanplattendeckels werden gerade einmal 12,1 Grad erreicht!

 

Einbausituation des untersuchten Einbaudetails mit einem Rollladenkasten und dem Rollladenkastendeckel LEO Revileo®. Die Darstellung des Isothermenverlaufs zeigt insbesondere den Verlauf der wärmedämmtechnisch anspruchsvollen 15 Grad-Isotherme, die in der Deckelkonstruktion verläuft und erst im innersten Eckbereich, zum Fensterblendrahmen hin, die Profilkonstruktion verlässt.
Ergebnis der Wärmebrückenanalyse für das Einbaudetail mit einem Rollladenkasten mit herkömmlichen Spanplattendeckel, der gerade die Einzel-Mindestwärmeschutzanforderung für Deckel mit R = 0,55 m2K/W erfüllt. Trotz der guten Wärmedämmung des Rollladenkastens verlässt die wichtige 15 Grad-Isotherme bereits in der Mitte des Deckels die Gesamtkonstruktion. Die niedrigste Oberflächentemperatur im Eckbereich erreicht nur 12,1 Grad.
Grafiken: hermes® Bauphysik

Mit einem Temperaturfaktor in Höhe von 0,68 wird die unterste Normgrenze von 0,70 aus DIN 4108 Teil 2 klar unterboten. Das Einbaudetail mit dem Spanplattendeckel liegt somit im Schimmelpilz gefährdeten Bereich – Bauschäden können nicht mehr ausgeschlossen werden. Mehr noch: Dieses Einbaudetail erfüllt nicht mehr die Anforderungen an den Mindestwärmeschutz für Wärmebrücken. Es darf in dieser Form nicht ausgeführt werden!

Das komplette Einbaudetail wird bewertet

Aus normativer Sicht ein dramatisches Ergebnis, dass eindrucksvoll aufzeigt, dass Einzelbauteilvorgaben an den Mindestwärmeschutz, wie hier an den Deckel, nichts mit den Anforderungen an das komplette Einbaudetail zu tun haben müssen. Trotz Erfüllen der Einzelbauteilwertung „reißt“ der Spanplattendeckel die Gesamtanordnung „in den Keller“. Doch einzig und allein die Gesamtanordnung ist letztendlich maßgebend.

Diese Untersuchung dokumentiert eindrucksvoll, dass insbesondere bei großen Rollladenkastenbautiefen der Revisionsdeckel das Rückgrat für das Wärmedämmniveau bildet. Der leichtfertige Einsatz billiger Deckelausführungen, die zwar gerade einen oberflächlichen Einzelwert erfüllen, können jedoch eine Rollladenkastengrundlage mit guter Wärmedämmung glatt vernichten. Die vordergründig gesparten wenigen Cent können langfristig gesehen so leicht die absolut teuerste Lösung darstellen, wenn erst einmal die Schimmelpilze ihr Wachstumsrevier entdeckt haben und der Bauschaden seinen Anfang nimmt.

Als bauphysikalische Grundregel gilt daher immer die Betrachtung und Analyse des vollständig eingebauten Zustandes mit Rollladenkasten inklusive Rollladenkastendeckel-Konstruktion. Erst wenn Ψ und fRsi im grünen Bereich sind, darf eingebaut werden. Sicher können für manche Kastenbauarten, insbesondere mit geringen Gesamtbautiefen unter 300 Millimeter, auch heute noch alle Anforderungen an den Mindestwärmeschutz auch mit Einfachdeckeln erfüllt werden. Doch die immer besser gedämmte Gebäudehülle erfordert auch Maßnahmen mit modernen Deckelkonstruktionen, die neben den besseren Wärmedämmeigenschaften auch bessere Möglichkeiten der konstruktiven Einbindung in den Rollladenkasten bietet und damit in aller Regel auch bessere Dichtigkeitswerte erreicht.

Dipl.-Ing. (FH Bauphysik)
Marcus Hermes

Artikel von Dipl.-Ing.(FH Bauphysik) Marcus Hermes, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „architektur+sonnenschutz“, Doppelausgabe 7-8, 2005